KOINÈ Sprachreisen Italien: Toskana
 
 
 
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sprachreisen


DIE ZEIT Nr. 1, 28. Dezember 2000
EINGEPAUKT MIT DEM NUDELHOLZ


Kochen Sie gern? Trinken Sie gern? Würden Sie gern Italienisch lernen? Fahren Sie nach Florenz! Zu einem Sprachkurs der besonderen Art.

Am schönsten ist es mittendrin. Im Herzen der Stadt. Auf dem Markt. Im Strom der Düfte dickleibiger Käse und herabhängender Schinken. Umwogt von Kaskaden italienischen Parlandos und geschäftiger Gestikulierkunst florentinischer Marktleute. Ich möchte mitreden, mitfeilschen, mir diese mediterranen Köstlichkeiten lustvoll einverbleiben. Aber ich fühle mich wie der Fisch in der Vitrine gegenüber: die Augen starr, den Mund offen ­ non parlo italiano. Eine harte Lektion. Florenz könnte so schön sein.

Seit heute Vormittag um zehn Uhr spreche ich Italienisch. Den Einstufungstest habe ich mir erspart und mich zum puren Anfänger erklärt. Trotz meiner neun Jahre Latein. Links von mir Silja, eine Schwedin. Sie spricht Gott sei Dank Deutsch. Daneben Annette, eine junge Deutsche mit etwas hageren Gesichtszügen, die irgendwie sehr sprachbegabt aussieht. Dann noch eine Japanerin, deren Namen auch beim zweiten Nachfragen wie Sushi klingt. Vermutlich kann ich wenigstens besser Latein als sie. Das ist zwar albern, aber es beruhigt im Moment. Die zwei, drei Herren hinter mir habe ich nicht im Blick.

An Latein mochte ich, dass man es nicht sprechen musste. So sitze ich schweigend, psychisch eingeklemmt in meine Schulvergangenheit, und warte, dass meine Mitschüler reden. Marktbilder steigen in mir auf , Goldbrassen und Venusmuscheln, Parmesan un Pecorino. Dann erscheint eine hübsche, agile Italienerin mit rötlichem Haar, die uns begrüßt. Wally, unsere Lehrerin. Der Unterricht hat begonnen.

Brot, Wein und Sprache heißt der Italienischkurs, abgehalten unter den Dächern des Palazzo Borghese, mitten in der Altstadt von Florenz. Es ist das Konzept der Sprachschule Koinè, das mich lockte: Sprache spielerisch zu lernen, Buchlektionen mit Weintesten und Kochen zu verbinden. Denn ein paar Schritte vom Palazzo entfernt, liegt im mittelalterlichen Gewölbe der Loggia di Villani die Enoteca de' Giraldi mit Weinschänke, Tischen, Weinkeller und Kochgelegenheit ­ ein Unterrichtsraum der besonderen Art. Küchentisch statt Schulbank. Crostini statt Lexikon. Das macht auch einem Sprachenmuffel Spaß. “Buongiorno, sono Enrico...." - ich habe gesprochen!

Stefano redet langsam und trotzdem Italienisch. Er ist der Koch, und wir hängen an seinen Lippen. Er verkündet eine frohe Botschaft, die da lautet pesto, carrettiera und funghi. Wie bereitet ein italienischer Koch sie zu, diese pikanten Soßen zur hausgemachten Pasta, und welchen Wein empfiehlt er? Die Auswahl ist groß genug, unser Tisch ist umsäumt von Weinregalen, aus denen Hunderte von Flaschen auffordernd Ihre Hälse recken.

In der einen Hand einen Becher voll Pinienkerne, in der anderen ein Büschel Basilikum, zu jedem Wort den entsprechenden Gegenstand, zu jedem Satz die entsprechende Tätigkeit ­ das prägt sich ein, geht erst durch den Kopf und später in den Magen. “Spianare la pasta sottile con il matterello." Silja knetet Eier und Mehl, rollt den Satz, den ihr Stefano sagt, mit der Nudelwalze aus, schneidet die Worte wie Taglierini, und wir murmeln nach wie die Gemeinde bei der Abendandacht. Con il matterello, mit dem Nudelholz! Sottile, dünn! Sushi sagt mir rasch ein Wort ein, Silja will eines wissen. Von mir! Noch fallen viele Wörter durch unser Sprachsieb, aber langsam stellt sich vage das Gefühl ein zu wissen, wovon wir reden.

Endlich, nach zwei Stunden Sprachkochkurs, können wir unsere heutige Lektion essen. Wally verteilt Nudeln statt Noten: unsere hausgemachten Taglierini, dazu einen jungen Chianti Colli Fiorentini, alles serviert auf blanken Holztischen wie in alten vinai, den florentinischen Weinschänken, üblich. Angesichts unserer Kochkünste machen wir uns Komplimente in Deutsch, Englisch, Italienisch und Japanisch. Charmant, aber hartnäckig kehrt unsere Lehrerin immer wieder zur Landessprache zurück. Ich kaue an jedem italienischem Wort, das mir auf die Lippen kommt, und verschlucke es mit den Nudeln. Al dente.

In der Lektion des folgendes Tages ist der Rotwein unser Lehrmeister, das Weinglas wird zum Lehrbuch. Wally, eine ausgebildete Sommelière, hebt das Glas ins Licht: vedere, sentire, gustare, sehen, riechen, schmecken. Man muss schon alle Sinne zusammennehmen, um den Botschaften des toskanischen Weines auf die Spur zu kommen. Wie Zauberformeln drehen wir die neuen Wörter im Munde, dann senken sich die Nasen in die Tiefe der Gläser, und Verklärung zieht über die Gesichter. Nur Sushi schaut ein wenig ratlos, kann sie doch diesen Kult des Geschmäcklerischen nicht nachvollziehen.

Wieder und wieder werden die Gläser auf dem Tisch geschwenkt und zur Prüfung der Farbe gegen das weiße Tischtuch gehalten. Die roten Tränen, die der zurücklaufende Wein auf der Innenseite des Glases hinterlässt, verraten seinen Gehalt an Gerbsäure. Da bleiben etliche italienische Wörter unerklärt, manche ersschließen sich aus dem Kontext, von anderen bleibt nur die Melodie. Wir fragen immer wieder nach, wiederholen, simulieren Gespräche. Manche Sprachprobleme lösen sich bei der Weinprobe schluckweise.

Sushi unterhält sich, wenn auch in einfachen italienischen Sätzen, angeregt mit Wally, wie ich neidvoll feststelle. Sie nutzt das Angebot der Schule, bei der Lehrerin zu wohnen. So in den Alltag hineingeworfen, lernt man natürlich viel schneller als bei der zeitlich begrenzten Methode des situativen Lernens, die wir erleben. Es gibt auch einige Fortgeschrittene, die den vierstündigen reinen Sprachunterricht am Vormittag nicht besuchen, sondern nur am Kochkurs, den Stadtrundgängen oder an der Exkursion in den Weinberg teilnehmen. Ich kasteie mich inzwischen durchaus lustvoll mit der kleinen Folter des Grammatikunterrichts und dem heimlich geführten Wörterbuch. Die Faustregel, man müsse ein Wort nur einfach in sieben verschiedenen Zusammenhängen mitbekommen, um es dem Gedächtnis einzuverleiben, gilt eben nicht für jeden.

Man glaubt gar nicht, wie viele kleine Schweinehunde man tagtäglich überwinden muss, um beim Einkaufen, bei der Auskunft, im Bus ins Reden zu kommen. Obwohl die Italiener zumeist geduldig dem gacksenden Fremden zuhören. Selbst ich bin nach zwei Wochen so weit, sogar in höchster Sprachnot nicht mein Touristenenglisch auszupacken.

Wieder stehe ich mitten im Marktgewühl und will Fisch kaufen. Und zwar allein, ohne Lexikon. Die Fische liegen da wie immer, mit klaren Augen und offenen Mündern. “Bitte entfernen Sie noch die Kiemen ­ wegen des Geschmacks", sage ich in so sorgfältig artikuliertem Italienisch und mit so intensiver Gestik, als gäbe ich der aufmerksam zuhörenden Marktfrau Sprachunterricht. Sie aber nickt nur und schneidet. Ich bekomme, was ich will. Man muss es nur sagen.

Erich Kasberger


Aus dem Reiseteil des BOSTON SUNDAY GLOBE, 23. Juli 2000
"Die Sprache lernen und in Italien leben" von Lu Stubbs


Florenz, Italien. "sich vorzustellen in Florenz wie ein Einheimischer zu leben". Sich vorzustellen, dort Italienisch zu studieren und jeden Tag sein "BUON GIORNO" zu sagen! Meine Liebe zu Italien, meine Kariere als Bildhauerin und mein Interesse für die italienische Sprache gaben den Ausschlag zu einem Studium zusammen mit meinem Mann Hal in Florenz. Wir buchten einen 3-wöchigen Kurs beim Centro Koinè und mieteten ein gemütliches Apartment (mit TV und Waschmaschine) zu günstigen Bedingungen.

Neben den vielen Schätzen der Stadt, die wir besichtigten, erklommen wir auch die 360 Stufen zu der grün-weiß gestreiften Kuppel des Domes. Wir besuchten Michelangelos David in der Akademie und die Botticellis in den Uffizien. Aber wir hatten auch einen Blick auf das normale Leben, welches Touristen im allgemeinen nicht wahrnehmen. Wie viele Wohnungen in Florenz, hatte auch unsere einen kleinen Hof mit Bäumen und Büschen. Von unseren Fenstern blickten wir auf andere Häuser mit den schmalen bepflanzten Balkons. Manchmal hing dort Wäsche oder Arbeiter verrichteten Ausbesserungen an den hölzernen Türen und wir konnten Hunde beobachten, die sich in der Sonne aalten.

In unserer Straße war eine "Bar" in der wir das typische Frühstück-Kaffee und "Brioche"-zu uns nahmen und telefonierten. Nebenan war ein Milchladen, in dem ich kurze italienische Gespräche mit der Inhaberin führte. Sie informierte mich über Bushaltestellen und günstige Umtauschstellen für Traveler Schecks. Die nahegelegene Bank war eine Villa in einem Park mit exotischen Pflanzen und innen mit Kristalllüstern. Und wir fanden die Umtauschrate günstiger als woanders.

Vor unserem Haus auf einem großen Platz befand sich der Englische Friedhof. Dort spielte der Anfang des Films "Tee mit Mussolini", als die ausgebürgerte Frau Elizabeth Barret Brown an ihrem Grab ehrte. Diesen Platz zu überqueren erforderte Aufmerksamkeit und Geduld, und wir lernten, dass langsames Trödeln ein Fehler war, glücklicherweise gab es eine Verkehrsampel.

Der 20-minütige Spaziergang von unserer Wohnung zum Centro Koinè war dagegen geruhsamer nach dieser Hürde, wir achteten aber auch darauf, nur schmale Straßen zu überqueren. Wir begegneten Strassenarbeitern und sahen Handwerkern bei ihrer Arbeit zu, kamen an Obst- und Gemüseverkaufsständen vorbei und atmeten den Duft von frischgebackenem Brot aus einer Bäckerei ein.

Es gab elegante Häuser mit riesigen geschnitzten Holztüren. Aus einer tauchte eine freundliche Frau auf, die ausgesetzte Katzen fütterte, und wir erzählten von unserer katzenliebenden Tochter zuhause. Wir trafen junge Frauen mit ihren Babies und Gruppen von Studenten, eingehüllt in Zigarettenqualm, die gelangweilt auf das Öffnen ihrer Schultüren warteten. Dann kamen wir zu der Kreuzung, von der man den Dom sehen konnte. Dieser Matriarch war im Zentrum von allem und es schien immer wieder eine Überraschung zu sein, von jedem Punkt der Stadt einen Schimmer von ihm zu erblicken.

Uns machte die Schule großen Spaß, besonders wenn Donatella unsere Lehrerin war. Groß und stattlich war sie, eine richtige Schauspielerin. "Pavarotti è bravissimo" rief sie aus und schüttelte ihr langes rotes Haar. Oder während sie ihre großen braunen Augen rollte "Die armen Katzen" rief, erzählte sie von sieben Kleinen, die sie adoptiert hatte. Wild gestikulierend schilderte sie ihren täglichen Weg auf dem Motorino von der Vorstadt ins Zentrum.

Kurteilnehmer zu sein bedeutete nicht nur, dass wir unsere seit 1971 mehr oder weniger erlernten Sprachkenntnisse wieder auffrischen konnten, sondern wir hatten auch die Gelegenheit Menschen aus der ganzen Welt und allen Alters zu treffen. Von den 29 registrierten Studenten im März waren nur fünf aus Amerika, andere aus Korea, Japan, Norwegen und der Schweiz und sonst woher. Unter ihnen war ein pensionierter Kapitän, ein Psychotherapeut, ein Opernsänger und drei Studenten der Modeschule. Wir verteilten uns auf die Klassen "nicht ein Wort" bis "ausgezeichnet".

Aber der größte Vorteil war unser Zusammensein mit den aufgeschlossenen Lehrern und Mitarbeitern der Schule. Sie waren nicht nur unsere Lehrer, sondern auch unsere Führer durch die Stadt und Ansprechpartner für alle Probleme. Wir hatten außer der Schule auch Zeit für andere Dinge. Oft aßen wir abends in Restaurants, und es war gemütlich, mit anderen Menschen zusammen zu sitzen. Als wir eines Abends in die "Yellow Bar" in der Via Proconsolo gingen, saßen wir mit einer Familie Valentes zusammen. Wir unterhielten uns, und bevor wir uns trennten, lud uns Michel Valentes zu einer Fahrt am nächsten Wochenende ein. Dies führte uns nach San Gimignano zu den alten Türmen und später waren wir seine Gäste zum Essen. Oft warteten wir mit anderen vor dem Restaurant "Le Mossacce", was von Einheimischen und Touristen geschätzt wurde. Eines Abends saßen wir mit einem Paar aus Süditalien zusammen, die ihren Hochzeitstag feierten und ein anderes Mal trafen wir ein amerikanisches Paar, das eigentlich ihre Hochzeit gross zu Hause geplant, sich dann aber plötzlich umentschlossen hatte, um in Venedig zu heiraten. Manchmal aßen wir in einem Self-Service in der Via de'Pecori zusammen mit Gruppen von Kindern und Schülern.

Eine kurze Busreise führte uns in die Hügel um Florenz und nach Fiesole mit seinem römische Amphitheater und dem archäologischen Museum, von wo man einen wunderschönen Blick auf die toskanischen Landschaft hat. Wir besuchten die Villa I Tatti, wo der Kunsthistoriker Bernard Berenson gelebt hat. Er schenkte die Villa der Harvard Universität mit der Kunstsammlung und der Bibliothek. Und nun wohnten hier Studenten aus allen Ländern. Um einen Besuch zu planen, benötigt man eine Einladung von Harvard.

Eines Tages machten wir uns auf den Weg mit dem Zug nach Bologna, der Stadt der Bögen und Farben: orange, rot und gelb. Durch das Tourist-Büro am Bahnhof bekamen wir Anregungen zum Besuch der wichtigsten Sehenswürdigkeiten: Kirchen, Türme und Palazzi. Wir entdeckten auf der obersten Etage des Rathauses ein Museum, gewidmet Giorgio Morandi, einem meiner favorisierten Künstler.

Zurück in Florenz widmeten wir uns unseren täglichen Aktivitäten: wir verschickten Emails vom Internet Point in der Via S. Egidio und besuchten den Markt von der Via de Macci , welcher meistens mittags nach der Schule schon geschlossen hatte. Die Verkäufer säuberten ihre Stände, und wir konnten für wenige Lire unseren Bedarf an Obst und Gemüse aus den übriggebliebenen Waren erwerben, und da hatten wir auch Gelegenheit, unsere Sprachkenntnisse anzuwenden. Sonst kauften wir unsere Waren im Kaufhaus Standa, dem Supermarkt in der Via Pietrapiana. Dort musste man, bevor man die Waren anfasste, Plastikhandschuhe anziehen, eine Plastiktüte nehmen, in der die Waren abgewogen und mit Preisen versehen wurden. Zwei meiner Schwachpunkte waren die Tafeln der Schweizer Schokolade und Makronen, die ich nicht so teuer wie bei uns erwarb und die leicht genug waren, um eine gewisse Menge mit im Flugzeug zu nehmen, als Erinnerung für zu Hause.

Wir genossen die verschiedenen Gesichter von Florenz. Wir saßen auf den Stufen des Doms und beobachteten die Touristen oder den weißgesichtigen Clown oder die Ballerina. Wir kamen an dem Bettler vorbei mit seinem Hund und den Welpen, die jedes Mal größer waren. Wir hielten an einer Ecke, wo ein steinernes Monster Wasser in einen Trog spie.

Am Wochenende war es geruhsam im Park zu sitzen, wo Mamas und Papas mit ihren Kleinen Ball spielten und Karussell fuhren oder Hunde ausführten. Eines Tages sahen wir einen Riesenbus, der um die Kurve fahren wollte aber nicht konnte, da dort ein Auto parkte. Was war zu tun? Sechs Kumpel erschienen und hoben das Auto in die Höhe, der Bus konnte fahren. Großer Applaus von den Reisenden!

Und unser Applaus gilt unserem Entschluss, dass nach 2 Studienreisen 1997 am Keine in Lucia und 1971 in Perugia unser nächster Aufenthalt am Keine in Bologna sein könnte.

Und unser Applaus gilt der Erfahrung, die wir im März machen konnten, nachdem wir vorher bereits zwei weitere Aufenthalte geniessen konnten: am Centro Koinè in Lucca 1997, wo wir ein Zimmer mit Küchenbenutzung bei einer Familie mieteten und 1971 an der Ausländeruniversität in Perugia, wir wohnten damals in einer Pension. Unser nächster Aufenthalt könnte an der Koinè Schule in Bologna sein.

 

Aus "Toskana für Geniesser," Herbst/Winter 2001 Sonderhelf Nr. 5
GEO SAISON
- "Capire tutto non esiste!"

Alles kann man nicht verstehen, aber wenn man italienisch in der Küche lernt, fällt das Sprechen bald so leicht wie das Essen.

Das Tückische an der schönen italienischen Sprache ist, dass man glaubt, sie verstehen zu können, auch wenn man sie nicht spricht. Wer nur ein paar Worte beherrscht, hält sich bereits für ziemlich fortgeschritten. Alles klingt so nett, und auch im Restaurant klappt die Kommunikation fast reibungslos. Ich bestelle "un mezzo litro di vino bianco e una bottiglia d'acqua minerale" und bekomme tatsächlich--Wein und Mineralwasser. Na also, sie verstehen mich! Erst, wer schon ganz gut Italienisch spricht, weiss, wie schlecht er noch ist.

Nun könnte man damit zufrieden sein, dass es einem gelingt, Wein und Wasser zu bestellen. Doch fraglos hält das Leben mehr bereit als Wasser und Wein, besonders in Italien. Um das landessprachlich zu erfasssen, muss man etwas tun. Man kann zum Beispiel im November nach Florenz fahren und, während es draussen regnet, Italienisch lernen. Und praktischerweise gleich dabei kochen.Grammatik lernt man am besten im Unterricht, Sprechen im täglichen Leben, das in Italien ja hauptsächlich aus Kochen und Essen besteht. Wenn man den unzähligen Toskanageschichten und -büchern glaubt. Im Centro Koiné (Altgriechisch für "gemeinsame Sprache") jedenfalls kann man Geist und Gaumen trainieren.

Einige Hundert Meter vom Markt Sant'Ambrogio entfernt, im zweiten Stock des antiken Palazzo Borghese im historischen Zentrum von Florenz, erklärt die Lehrerin Wally:" Die Welt des Konjunktivs ist eine sehr interessante und schafft grosse Eleganz!" Auf dem Weg dorthin sind eine Reihe von Hürden zu nehmen. Um angemessen zu antworten, sei es von Vorteil, in etwa zu verstehen, was der Gesprächspartner meint. Nicht nötig sei es, alles zu verstehen. Die Florentinerin, deren Name, wie sie einräumt, so italienisch nicht ist ("Er stammt aus einer weitgehend unbekannten Oper"--uns ist Alfredo Caralanis "La Wally" als "Geierwally" aber durchaus noch geläufig) sagt: "Capire tutto non esiste!" Eher gehe es um eine Art "Gymnastik für die Ohren". Um die Stimmung aufzulockern, darf jeder zunächst einmal sagen, was ihm an Florenz nicht gefällt. Besonders kritikwürdig erscheint den meisten das Wetter. Zwei junge Koreanerinnen bemängeln zudem, die Stadt sei nicht modern, die Strassen viel zu eng.

Wally rät uns, einfach die Ohren aufzustellen wie "Dumbo, der Elefant" und dann mit ein wenig Fantasie die Idee eines Satzes zu erfassen. Bei Präpositionen, so schwant mir, ist es mit Ideen so eine Sache. Sie müssen gelernt werden. Das gilt leider auch für Vokabeln. Eine besondere Gemeinheit ist es beispielsweise, dass im Italienischen "warm" "caldo" heisst. Das wusste ich noch nicht, als ich im Pizza-Imbiss am Dom darauf bestand, meine Pizza dürfe unter gar keinen Umständen "caldo" sein. Es führte zu Verwunderung auf der anderen und später auch auf meiner Seite. Nach dem Morgen mit Wally kann mir das nicht mehr passieren.

Mittagspause, und dann nähern wir uns dem angenehmen Teil des täglichen Lernprogramms. Im benachbarten Weinladen "Enoteca de' Giraldi" lauscht unsere Gruppe, bestehend aus drei Japanern, drei Amerikanerinnen und zwei Deutschen, dem Kurs mit dem schönen Namen "Pane, Vino e Lingua". An der Schmalseite eines langen Holztisches sitzt wiederum Wally und verkündet:"Heute sprechen wir ein bisschen über Weissweine". Was eine charmante Untertreibung ist; denn Wally ist ausgebildete Sommeliére. Sie hat die dreijährige Ausbildung ohne gastronomische Ambitionen gemacht, nur zu dem Zweck, dass ihre Schüler etwas über Weine lernen. Da für den Nachmittagskurs keine Italienischkenntnisse vorausgesetzt werden, sind zwei Dolmetscher anwesend, die ins Japanische und Englische übersetzen. Gerade sagen sie: "Würzige, aromatische Speisen erfordern einen ebenso langen Nachgeschmack des Weins." Weshalb man mit Gewürzen generell sehr sparsam umgehen solle. Wally spricht von der Unsitte, die Salatsauce mit Zitrone abzuschmecken. Dazu könne mam dann allenfalls Wasser trinken. Ein Wein nehme sofort den Zitronengeschmack an. "Dann trinkt ihr Limonade!" Bei der anschliessenden Weinverkostung hat sich Helmut, ein pensionierter Lehrer aus Hannover, in einen 97er Vermentino verliebt. Den könne man sicher auch ohne Essen trinken, sagt er. "Vielleicht nicht die Flasche, ein zwei Gläser sicher", korrigiert Wally. Aber da hat Helmut schon nachgeschenkt. Die folgen der verschiedenen toskanischen Weissweine, die wir anschliessend durchprobiert haben, zeigen sich am nächsten Morgen. Wallys Unterrichtsmethoden sind jedoch hervorragend geeignet, unsere schweren Zungen zu lösen. In einer Art Ratespiel muss der Verlauf einer Geschichte vorhergesagt werden. Uns wird eine Folge von Bildern vorgelegt. Zunächst sehen wir einen Mann, der auf einem Bett liegt. Danach ein geöffnetes Fenster, eine umgefallende Vase, daneben einen Fleck. "Der Mann schläft, und ein Windstoss hat die Vase umgeschmissen", mutmasst Helmut. Ich nicke zustimmend, und sofort besteht Wally darauf, dass ich es auf Italienisch wiederhole. Zum Glück erinnere ich mich an Puccinis berühmte "Nessun dorma!"--Arie aus Turandot. !Il signore dorma, un vento arrive, la vasa rotto", stottere ich--gar nicht so schlecht, aber leider falsch: Auf dem letzten Bild wird klar, dass der Fleck auf dem Boden eine Blutlache ist. Durchs Fenster schaut nun ein Mann mit Sonnenbrille und Pistole: Klar, Szenen des italienischen Alltags.

Sprache ist auch eine Frage der Psychologie. Man muss sie nicht wirklich können, man muss einfach anfangen zu reden. Mir selbst ist verbale Unzulänglichkeit immer etwas peinlich. Ich halte es im Grunde für rücksichtslos, radebrechend an einen Muttersprachler heranzutreten. Die Küche jedoch ist ein geeigneter Ort, um Italienisch zu sprechen. "Oggi facciamo la pasta all'uovo", sagt Lehrerin Elisabetta. Sie zeigt uns zu jedem neuen Wort den passenden Gegenstand: "pasta" (Teigwaren) besteht aus "farina" (Mehl), "uova"(Eiern" und "sale"(Salz) . Das Nudelholz heisst "matterello", und zum Kochen braucht man reichlich "acqua bollente". Falsche Betonungen gehen gnädig unter im Zischen des Olivenöls, in dem wir Knoblauch und Zwiebeln für die Sauce anbraten. Helmut brilliert an der Hand-Nudelmaschine ("Das muss ja besser schmecken!"), ich nehme das Hackfleischragout in Angriff ("Muss das Fleisch braun oder schwarz sein ?") Als die Nudeln al dente sind, setzen sich alle erwartungsvoll an den Tisch. Bedauerlicherweise braucht mein Ragout noch eine Weile. Als es fertig ist, sind die Nudeln kalt. Wir essen trotzdem. Die Japanerinnen, die in Tokio in einer Pizzeria arbeiten, monieren, sie hätten das Rezept ganz anders in Erinnerung. Helmut meint:" Die einzige Tragik besteht darin, dass zu wenig Parmesankäse ist." Am nächsten Tag wird alles wieder gut. "Il risotto!", kündigt Elisabetta an, "una cosa tipicamente italiana!" Schalotten glasig dünsten, Kürbisstücke dazu, nach und nach Reis und Brühe dazugeben. Elisabetta verrät die zwei Geheimnisse eines gelungenen Risotto: " Verwendet erstens nur Reis, der wenig Stärke enthält, zum Beispiel die Sorte Arborio. Und habt zweitens Geduld". Immer wieder tassenweise Brühe nachgiessen, umrühren, köcheln lassen, wieder Brühe, etwas umrühren, etwas köcheln lassen..... Den fertigen Risotto schmecken wir mit Petersilie und Parmesan ab. Keine Kritik diesmal, selbst Helmut versteigt sich zu der Bemerkung: " Jaa doch..."

In der Küche komme ich mit meinen frischen Italienischkenntnissen ganz gut zurecht. Aber wie bestehe ich in der grossen weiten Welt? Beim Schuhkauf, der an sich schon eine recht komplizierte Angelegenheit ist, erzeuge ich Heiterkeit im Geschäft. Die Auswahl der Schuhe meistere ich beispielhaft--man kann ja auf sie zeigen. Eine sprachliche Herausforderung jedoch ist die Bitte um gefütterte Wintersohlen. "C'é qualcosa, da fare dentro contra il tempo? Bringt nicht den gewünschten Effekt. Die Verkäuferin lächelt freundlich. Oder amüsiert Ich lege nach: Contra la freddura... ", was leider auch nicht stimmt, weil Kälte nun einmal "il freddo" heisst. "Qualcosa di caldo per sentirsi meglio" schliesslich führt dazu, dass sich die Bedienung an eine Kollegin wendet. Diese hakt nach: "Solette?" Nein, Einlegesohlen hätten sie nicht ...Arrivederci.

Die Esskultur ist ein wichtiger Teil der italienischen Alltagskultur. Die Zeit zwischen pranzo und cena wird gern damit verbracht, zu erörtern, was gegessen wurde oder was gegessen werden wird. Ich selbst lange gern zu, aber das Bedürfnis, anschliessend darüber zu reden, fehlt mir gänzlich. Die schlichte Aussage, es habe gut geschmeckt, verrät den deutschen Spielverderber. Einem Italiener würde dieser Fauxpas niemals unterlaufen. Wer stundenlang an der Nudelmaschine steht, wer stundenlang tafelt, erwirbt das Recht, später in gleicher Ausführlichkeit darüber zu berichten. Es ist geradezu Pflicht. " Che cosa avete mangiato ieri sera?", fragen sich nach einigen Tagen Unterricht ganz selbstverständlich auch die Sprachschüler in den Gängen des Centro Koiné. Und wer nicht vom Essen spricht, der redet über Weine und Winzer.

Eine knappe Autostunde von Florenz liegt das Dorf Greve. In einem Weinkeller aus dem 14. Jahrhundert empfängt uns der ehemalige Bankdirektor Renzo Pancani, der sich seit seiner Pensionierung ausschliesslich seinem kleinen Gut widmet. Ganze 5000 Flaschen einer einzigen Sorte Chianti Classico beträgt die Jahresproduktion. Die Amerikanerinnen, die hauptsächlich wegen des italienischen Weins gekommen sind, zeigen sich entzückt, die Tokioter Pizzabäckerinnen taxieren in Gedanken den verbleibenden Platz in ihren Koffern. Helmut lässt sich eine Kiste schicken, ich erstehe eine Flasche. Mein Reiseproviant, denn nach einer Woche ist der Kurs für mich vorbei.

Zu Hause, wenn ich gemerkt habe, dass der deutsche Regen noch unfreundlicher ist als der toskanische und der Winter, anders als in Florenz, keinen Hauch von Sommer mehr hat, werde ich in der Küche stehen, Schalotten dünsten, Kürbisse zerteilen. Und wenn von gegenüber der Weihnachtsschmuck leuchtet und es trotzdem nicht schneit, nur kalt ist und nass, denke ich an Platanen und kleine Felsmäuerchen , an die Fresken im Dom von Florenz, an den Duft von frischem Olivenöl und an das Weingut von Signore Pancani. Ich habe drei Pastagerichte gelernt und zwei Risotti, das reicht für die Wochentage. Am Wochenende kann ich ja essen gehen. Italienisch vielleicht.

Von Andreas Wenderoth

 

"Ein Sprachkurs, der Menschen zusammenbringt", von Marjorie Picchi, veröffentlicht im Grapevine n.3, März 1997


Wenn du in der Via Mordini Nr. 60 im Zentrum von Lucca die Tür öffnest und die Treppe zum zweiten Stock hinaufsteigst, findest du das Koine, Centro di Formazione Linguistica e di Incontri Culturali. Hier ist die Sektion der Koine Organisation, die Schulen in Florenz, Cortona, Elba und Bologna hat. Die Schule leitet ihren Namen aus dem Griechischen ab und bedeutet gemeinsame Sprache, sie wurde 1980 von einer Gruppe von Lehrern gegründet, die ein besonders effektives Sprachprogramm entwickelten.

Wir sprachen mit Stefano Allegrini, dem Direktor der Schule, der uns erzählte, dass die Universität von Amsterdam bei der Gründung der Schule in Lucca behilflich war. Die Universität betreute einen Italienischkurs im Fernsehen "Italienisch lernen als zweite Sprache". Die Studenten, die diesen Kursus beendeten, wurden belohnt und bekamen die Gelegenheit eines weiteren Studiums in Italien. Die Universität kannte die Koine Schule in Florenz und begann, sich nach einer kleineren Stadt in der Toskana umzusehen, und fand die Schule Koine in Lucca. Dieses war der ideale Ort Italienisch zu hören und sprechen zu lernen.

Direktor Stefano und die Lehrerinnen Isabelle Taddeucci, Franca Salsini, Daniele Bonacorsi und Christine Saveri sind alle promovierte und professionelle Sprachlehrer, die sich fortbilden und die beste und effektivste Methode zum Erlernen der Sprache für ihre Schüler herausfinden. Man hält viel von der Einbeziehung nicht nur des rationalen Teils des Gedächtnisses, sondern auch des Unterbewusstseins. So wird eine eventuelle Lernblockade durch Ängste oder Zurückhaltung vermieden. Die Kurse beginnen mit dem Sprechen und werden dann mit Schreiben und Lesen fortgesetzt. Das praktische Hören ist ein fundamentaler Teil der Kurse.

Teilnehmer der Kurse müssen 16 Jahre alt oder älter sein. Nach einem Test und einem Gespräch werden die Studenten in entsprechende Klassen eingeteilt. Der Unterricht geht von 9 bis 1 Uhr von Montag bis Freitag mit einer Pause von 20 Minuten. Mittags kann man das Essen mit anderen Kursteilnehmern oder den Lehrern zusammen einnehmen, wobei man ständig Italienisch sprechen und hören kann.. Die Einzelkurse beginnen um 2 Uhr und danach sind Lesungen, Filme, Spaziergänge und Koch- und Weinkurse angesagt.

Da Italienisch als die Sprache der Kultur gilt, werden soziale und kulturelle Aktivitäten in die Kurse eingebunden. Spaziergänge durch die Stadt konzentrieren sich auf die praktischen Wünsche der Besucher, kulturelle Programme mit Musik, Filme und Fernsehkommentare werden angeboten und am nächsten Tag im Unterricht behandelt.

Die Menschen, denen ich in meiner Klasse und in anderen Klassen begegnet bin, stimmten mir zu, dass die Schule einen ungewöhnlich hohen Standard in bezug auf Enthusiasmus, Energie, Organisation und Präsentation des Unterrichtsmaterials hat. Diese Lehrer haben die Probleme erkannt und überwunden, die manche mit dem Studium von Sprachen haben. Es ist nie langweilig-es ist aufregend!

Das Programm bietet verschiedene Kurse, um den Erfordernissen der einzelnen Menschen, die Italienisch lernen wollen, gerecht zu werden. Die Klassen sind klein-6 bis 12 Personen-und die aktive Teilnahme ist gefordert. Man braucht nur in der Via Mordini Nr. 60 reinzuschauen und nach einer Broschüre zu fragen. Auch persönliche Wünsche werden stets berücksichtigt.

Stefano betont zum Schluss, ja, ihre Arbeit hat mit Sprache zu tun, aber das Ziel ist, Menschen zusammen zu bringen und voneinander zu lernen und einander zu respektieren in einer friedlichen Welt. Viele neue Freundschaften kann man schließen, während man Sprachen unterrichtet und studiert.

 

 
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